Modern Times
 
Pop Goes Politics
In den Analen der Musikgeschichte wird man 1985 als das Jahr beschreiben, das einen Umbruch in dem politischen und sozialen Bewußtsein unserer vielgeliebten Popstar-Glamourelite hervorrief. "Band Aid" wurde viel gelobt und oft verrissen, doch der Effekt, den dieses Ereignis auf das Denken und Handeln vieler Persönlichkeiten im schnellebigen Musikgeschäft hatte, ist wohl von niemandem mehr ernsthaft zu verleugnen; Sting, David Bowie, Bob Geldof - die Liste wird zusehends länger.

In ferner Zukunft aber, wenn man auf die Popmusik dieses Jahres zurückblicken wird, wird man sich auch an eine siebenköpfige Gruppe aus London erinnern, die bereits mit ihrer Debutplatte in Sachen politisch engagierter Hitparadenpopmusik einen Klassiker vorlegte. Ohne große Geste der Wohltätigkeit, ohne peinlichen Pathos bittet Latin Quarter die Menschheit um Gehör - denn die Probleme dieser Welt fangen nicht im östlichen Afrika an, sondern direkt vor der eignen Haustür - Rassismus in Großbritannien, den USA und Südafrika, die Chancenlosigkeit unterer Gesellschaftsschichten in der westlichen Welt. Wer nun denkt, daß Latin Quarter auf "Modern Times" - frei nach Charles Chaplins gleichnamigen legendären Filmwerk, in der Tradition alter verkrusteter Politprediger zur Revolution aufrufen, liegt völlig falsch. Synthi-Pop, Funk, Reggae - wie ein Kaleidoskop der verschiedensten musikalischen Stilrichtungen glänzen elf Songs, die jeder für sich kleine abgeschlossene Geschichtskapitel abgeben: Mike Jones, verantwortlich für die Lyrics und praktisch achtes Mitglied der Band, hat Texte zu den Songs geschrieben, die in ihrer Klarheit, Kompromißlosigkeit und Kraft momentan nach seines Gleichen sucht. Kein lautes (oft notwendiges) politisches Gedonner, wie bei Paul Wellers Style Council, sondern leicht verständliches, pointiertes Erklären und Darlegen gesellschaftspolitischer Mißstände, ohne erhobenen Zeigefinger und ohne Verkündungen platter, diffuser Pauschallösungen. Kombiniert mit zeitgenössischer Popmusik ist Latin Quarter eine LP gelungen, die als Erste nach langer, langer Zeit wieder einmal an dem ungeschriebenen Gesetz rüttelt, daß Pop eigentlich nichts in Bewegung setzen kann, als die Tresortüren der Schallplattenindustrie.

Selten durchschreitet man beim Anhören einer LP ein solches Wechselbad der Gefühle: Wärme, Verzweiflung, Optimismus, Schmerz, Wut - "Modern Times" nimmt jeden gefangen, ist ein Statement in dieser so meinungs- und mutlosen Zeit. "Radio Africa", ein leichter, federnder, in seiner Zerbrechlichkeit und Emotionalität überwältigender Reggae nimmt im Text Stellung zu dem von der Apartheit zerrissenen Südafrika. Angesichts der Schüsse in den "Homelands" und des wohl bald beginnenden Bürgerkriegs dort, ein Song mit Brisanz und ein Stück von höchster Wichtigkeit.

Ein besonderes Lob ist an dieser Stelle der deutschen RCA auszusprechen, die deutsche Kommentare und Erläuterungen der Platte beilegten. Latin Quarter ist ohne Zweifel eine der größten musikalischen Hoffnungen der achtziger Jahre, die mit "Modern Times" einen Kandidaten für die LP des Jahres vorgelegt haben. Aufgrund des Titles "Radio Africa". 9 von 10 Punkte
 

 
Latin Quarter sind die Gruppe, die den folgenden Text in die Britischen Single-Charts brachte: - Der Westen beschwert sich immer noch über die ausländische Hilfe Es wäre aber besser, sie würden die Handelsbedingungen ändern / Mehr Panzer als Nahrungsmittel im Ogaden / Es sieht so aus, als ob Moskau es wieder falsch verstanden hat ... Unabhängigkeit hat verborgene Kosten / Wenn die Hände an den Geldbeuteln weiß sind.

Der Text stammt aus dem eingängigen Light-Reggae Stück 'Radio Africa' und jegliche Erwartungen die geweckt wurden, das hier nicht nur eine Band mit einem Gewissen war, sondern auch mit politischem Bewußtsein, werden durch dieses Album voll erfüllt. Die Songs sind intelligent, schlagkräftig und passend - diese Tour durch die moderne Welt führt z.B. nach Südafrika, Reagan's und McCarthy's Amerika, die Falklands/Malvinas und zu den Kohlebergwerken in den Waliser Tälern. Musikalisch setzt die Platte zwar keine neuen Maßstäbe, aber sie ist ansprechend und ausgewählt genug, um diese Texte sogar einem breiteren Publikum nahe zu bringen.

Diese Art von Songs würden New Internationalist Leser (und Redakteure) schreiben, wenn sie die Chance und das Können dazu hätten. (New Internationalist)
 
 

Er (Mike Jones) hat auch eine Hand fuer diese es auf den Punkt bringenden Einzeiler fuer die ein Costello oder ein Difford so regelmaessig gelobt werden. (NME)

Es gibt jede Menge in Ohr gehender Melodien (The Hit)

Man muss einer englischen Synthesizer-Band, die sich die Muehe macht gewichtige Songs ueber gewichtige Themen zu schreiben, schon Respekt entgegen bringen. (Playboy)

Die Texte sind durchweg brillant (RM)

 

Modern Times | Mick and Caroline | Swimming Against The Stream | Nothing Like Velvet
Long Pig | Bringing Rosa Home | Radio Africa

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